Vorübung der Quarantäne-Maßnahmen

Objekt

Titel

Vorübung der Quarantäne-Maßnahmen

Beschreibung

Noch bevor sich das Corona-Virus in Österreich ausgebreitet hat, hatte ich die Ehre eine zweiwöchige Vorübung für die später folgenden Maßnahmen absolvieren zu dürfen. Nach einem farbenfrohen Kurztrip in die bunten, engen und überfüllten Gassen Venedigs wurde ich aus dem Reisebus mit einem Liter Desinfektionsmittel, einer Zehnerpackung blauer Mund-Nasen-Schutzmasken mit der Duftnote „Eau de totes Tier“ und drei Stäbchen, die ich mir in regelmäßigen Abständen in die Nase stecken sollte, entlassen. Verpackt war das neue Survival-Kit in einem wunderhübschen, orangefarbenen Müllsack und wurde von voll-vermummten Oberärzten mit der Anweisung übergeben, erstmal niemanden mehr zu sehen und auf weitere Anweisungen zu warten.
Das Nachhausekommen war ein wahres Freudenfest – mit den gut duftenden, atemraubenden Masken und 6x desinfizierten Händen konnten wir (meine Mutter und ich) – natürlich erst nach einem motivierten Erinnerungsselfie – das Haus betreten, um anschließend meinem Vater zwar nicht mit gebührendem Respekt, dafür aber umso mehr Abstand gegenüberzustehen, der mit (nicht vor Freude geweiteten Augen) versuchte, den Hund von uns fernzuhalten. Um meine leichte Anspannung loszuwerden (ohne dabei den gesamten Ort zusammenzubrüllen) beschloss ich, so gut es eben ging meinen Kopf auszuschalten und noch schnell unter eine heiße Dusche zu springen – dass mir dabei allerdings meine Duschseife aus der Hand und direkt in die Klomuschel gerutscht ist hat, wie ich wahrscheinlich nicht erwähnen müsste, nur bedingt zu meiner Entspannung beigetragen.
In den ersten drei Tagen wurden Kopfhörer, Bett, die Serie „Shameless“ und Kekse zu meinen besten Freunden – ganz im Gegensatz zu Fernseher, Radio und Zeitung, die ich mied als ob sie ansteckende Krankheiten (wie Corona) übertragen würden.
Als ich dann zum ersten Mal das Haus verließ und einen Spaziergang in der freien Wildbahn wagte, kam ich mir vor wie ein Schwerverbrecher – und dann habe ich doch tatsächlich einen anderen Menschen getroffen! Der Adrenalinspiegel stieg und ich war überzeugt davon, jetzt auf der Stelle und sofort eine Krankheit durch bloßen Augenkontakt zu übertragen. Nur dass ich mich nicht krank fühlte. Oder dass ich jemals eine kranke Person getroffen hätte. Also halt Corona-krank natürlich. Aber mein Adrenalinspiegel hat das erst verspätet überrissen und meine Pumpe hübsch zum Rasen gebracht.
Was mein unglaublich stabiles Seelenheil möglicherweise ein klein wenig *husthust* durcheinandergebracht hat, war die unwahrscheinliche Kompetenz sämtlicher Ämter bei der Frage danach, wie ich mich zukünftig zu verhalten hätte. Verwertbare Informationen waren vergleichbar mit Feuersalamandern – irre selten und schwer zu greifen. Die versprochene Information, die wir erhalten sollten, kam etwa vier Tage nach der Rückkehr, war unvollständig mit veralteten Infos und im besten Fall als Schmierblatt für Kleinkinder zu gebrauchen.
Niemand weiß irgendwas und schon gar nicht wird dir jemand sagen was du tun oder lassen kannst. Das war der Leitspruch der Vorläufer für die Corona-Quarantäne-Maßnahmen.

Zuordnung

Maßnahmen (politisch, strukturell, institutionell etc.)

Räumlicher Geltungsbereich

Steiermark

Urheber

Anna
21
weiblich
3
Nein
Teilzeit
Stadtrand
BHS mit Matura
Freizeitassistentin
Ja

Rechteinhaber

Ja

Sammlungen

This item was submitted on May 1, 2020 by [anonymous user] using the form “Meine Erinnerung” on the site “ComeBack - Das Corona-Archiv der Universität Graz”: https://corona-archiv.uni-graz.at/s/ComeBack

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