Soziale Ermüdungserscheinungen - Nachdenken über eine Pandemie (4)

Objekt

Titel

Soziale Ermüdungserscheinungen - Nachdenken über eine Pandemie (4)

Beschreibung

Wenn meine Kinder derzeit etwas von Corona hören, schalten sie innerlich ab. Wenn in den Nachrichten, egal im TV oder im Radio, noch immer beinahe ausschließlich darüber berichtet wird, wird auch dort abgeschaltet. „Zum Glück“ gibt es ja noch die Streaming-Dienste, die sich nicht mit der Pandemie beschäftigen. Auch in anderen Gesprächen stelle ich solch unübersehbare Ermüdungserscheinungen fest. Es hat den Anschein, als sei die Spannung aus dem „Spiel“ draußen und jetzt soll halt alles wieder so weitergehen wie bisher.
Ich selber habe keine Ahnung, was hier richtig oder falsch ist, welcher Standpunkt hier wie lange hält - die „Lage“ ändert sich ständig, je nach Artikel oder Begegnung. Bleibt also nur eine grundlegende Skepsis. Aber das Schwierige dabei ist, dass das eben nicht irgendein Weltereignis ist, das von weit weg nach Interpretation und Handlung schreit, sondern ich stecke mitten drinnen. Das ist wohl das Neue an dieser Entwicklung, dass wir das Ausmaß der Bedrohung unmittelbar einschätzen müssen. Nicht wie beim Klima oder der Migration, wo es für Viele stets auch den Ausweg durch Ignoranz, durch Wegschieben oder Verleugnen gibt – das alles ist ja zeitlich und räumlich doch sooooo weit weg. Jetzt sitzen wir alle wirklich zur selben Zeit im selben Boot und haben keine Ahnung, in welche Richtung es geht.
Da hilft halt nur den Kanal zu wechseln? Aber wohin? Was hier derzeit im Internet und auch sonst dazu angeboten wird, ist schon auch beängstigend. Die Aggressivität mancher Aussagen und Botschaften kann ich mir kaum anschauen. Was für ein Mist hier teilweise auftaucht! Doch auch der hat wahrscheinlich seinen Sinn, fertigt er doch so etwas wie einen „sozialen Rahmen“ an, der das Erlebte, auch das Nicht-Begriffene, zu einem gemeinsamen Gedächtnis formt. Dadurch soll die Kontrolle darüber, was eingeschlossen und ausgeschlossen werden kann wie durch einen Bilderrahmen begrenzt werden. Ein offener Gedächtnisrahmen ist auf Dauer schwer zu ertragen, also folgen wir wie so oft der einfachen Logik des Verdrängens und des Vergessens. Was ich jetzt bemerke, ist eben eine Abkehr von Argumenten, von „der Wissenschaft“, hin zu einer emotional besetzten Perspektive. Das ist im Alltag auch nur zu verständlich, denn wer kann schon Ambivalenzen lange aushalten. Und dennoch: Auf die eine oder andere Art zwingt uns dieses Virus in einer unerbittlichen Beharrlichkeit dazu, uns dabei selber zuzuschauen, wie wir versuchen, die Logik unserer bisherigen Selbstverständlichkeiten aufrechterhalten oder verändern zu wollen.

Datum

12. 05. 2020

Zuordnung

Alltag

Urheber

RE
60
männlich
4
Ja
Vollzeit
Stadtrand
Hochschulabschluss
Univ.Prof.
Ja

Rechteinhaber

Ja

Sammlungen

This item was submitted on May 12, 2020 by [anonymous user] using the form “Meine Erinnerung” on the site “ComeBack - Das Corona-Archiv der Universität Graz”: https://corona-archiv.uni-graz.at/s/ComeBack

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