Wenn der Zeitexpress agehalten wird.

Objekt

Titel

Wenn der Zeitexpress agehalten wird.

Beschreibung

Die Streamingdienste hatten bis jetzt auch bei mir zu Hause Hochbetrieb. Diese Flucht in die Serien hat nicht nur damit zu tun, dass bislang vielleicht mehr Zeit zur Verfügung stand, sondern auch mit einer Sehnsucht nach einer überschaubaren Geschichte. So eine Serie bietet so etwas wie eine geschlossene Gesellschaft. Die ganze Geschichte ist meist verteilt auf eine überschaubare Anzahl von Personen und Situationen, hat insgesamt irgendwo einen Anfang und eine Fortsetzung nach der anderen. Anders als ein Buch, das sein Ende schon in sich trägt, ist das serielle Erlebnis die permanente Chance auf einen Anschluss. Alle geht weiter und weiter und weiter. Darin liegt eine Ästhetik, die das Gegenwärtige ordnet, in eine Form, eine serielle Linearität bringt und gleichzeitig nicht abschließt. Das ist u. a. das Schwierige, das Anstrengende in der derzeitigen Pandemiesituation. Ist das jetzt erst der Anfang oder schon das Ende? Was hat da begonnen, wie geht es weiter und wie kommt es zu einem Ende? Die derzeitige Welt funktioniert nicht mehr seriell, wie wir das gewohnt sind, sondern nach einem nicht einsehbaren Skript eines noch weitgehend ungeformten Gemurmels. Das ist zwar unser gesamtes Leben so, denn wer weiß schon, wie das Morgen ist - aber die Routinen des Alltags helfen uns über diese Leerstellen hinweg und weben uns eine Geschichte, die uns Sicherheit gibt. Jetzt aber müssen Myriaden von Einzelberichten, die rund um den Globus ständig und über eine große Zeit hinweg produziert werden, entschlüsselt werden, um zu einem verlässlichen Narrativ zu kommen. Woran halten wir uns hier fest und wie lernen wir dieses Narrativ zu lesen?

Datum

16. 05. 2020

Zuordnung

Alltag

Räumlicher Geltungsbereich

Weiinitzen

Urheber

RE
60
männlich
4
Ja
Vollzeit
Stadtrand
Hochschulabschluss
Univ. Prof.
Ja

Rechteinhaber

Ja

Sammlungen

This item was submitted on May 16, 2020 by [anonymous user] using the form “Meine Erinnerung” on the site “ComeBack - Das Corona-Archiv der Universität Graz”: https://corona-archiv.uni-graz.at/s/ComeBack

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