Werden wir uns nach dieser Zeit des Lockdown zurücksehnen?

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Titel

Werden wir uns nach dieser Zeit des Lockdown zurücksehnen?

Beschreibung

Noch ist nichts vorbei, aber einige Eindrücke führen für mich zu Fragen, die durchaus nicht ohne Konsequenzen bleiben sollten:
Wollen wir in das gleiche „System“ an der Uni, beim Konsum oder auch im Alltag zurück? Müssen wir ständig durch die Welt fliegen, um etwas zu besprechen, was wir online in 15 Minuten über Skype auch klären können? Oder zeigt sich jetzt nicht stärker denn je, dass es der soziale Kontakt ist, der sich auch in noch so vielen elektronischen Besprechungen nicht in eine personale Realität übersetzen lässt?
Werden wir uns nach dieser Zeit des Lockdown zurücksehnen, weil sie uns Momente des Stillstands gewährt hat - weil wir als Menschen gespürt haben, wie fragil und voraussetzungsvoll unser „System“ – eine Erfahrung, die vielleicht eine andere Sicht auf die unzähligen Fluchtbewegungen in dieser Welt ermöglichen hilft?
Da gäbe es noch viel, aber schon startet der Kampf um Pfründe wieder: Der Streit der Länder um Touristen, die Furcht, weniger vom Kuchen zu bekommen als die anderen. Die jetzt gestellten Forderungen gehen alle in die gleiche alte Richtung: Mehr, mehr, mehr vom Bisherigen und nicht in die Richtung einer Befreiung vom Marktzwang und vom vermeintlichen Mehrwert durch mehr, mehr, mehr …
Auch persönlich sehe ich das überall, wo die eigensinnigen Inszenierungen der Individualisierung wieder stärker werden. Nicht nur im Internet, wo es besonders leicht ist, Kollektive von Individualisten zu bilden, mit deren humorlose Neigung, die eigene Lebensführung als sakrosankt zu erklären, nicht zu spaßen ist. Da klagt ein Vater gegen de Maskenpflicht seiner Kinder in der Schule, dort wird gegen eine Impfplicht bei hochansteckenden Krankheiten protestiert, usw. Unbestreitbar ist das kritische Abwägen eines forcierten Regelungsbedarf des Staates wesentlich.
Für mich bleibt dabei aber stets die Frage, ob jedes Regulativ zur Herstellung einer Gemeinschaft schon eine rigoros abzulehnende Überschreitung der Staatsmacht darstellt. Die Idee der „persönlichen Freiheit“, die hier stets als Argument angeführt wird, schmeckt mir meist zu sehr nach dem amerikanischen Bild von Gesellschaft, wo eben jene, die es sich leisten können, ihren Freiheitstraum ausleben können, während die anderen eben danach trachten müssen, auch dorthin zu gelangen. Diese „Botschaft“ scheint auch viel leichter zu kommunizieren, als die stets voraussetzungsvollen und durchaus sich für verschiedene soziale Gruppen oft widersprechenden staatlichen Entscheidungen.
Jetzt ist für mich ein guter Zeitpunkt, individuell und sozial die eigenen Erzählungen des (Un-)Behagens über den gesellschaftlichen Erwartungsdruck zu überdenken.

Datum

30. 05. 2020

Zuordnung

Alltag

Räumlicher Geltungsbereich

Weinitzen

Urheber

RE
60
männlich
4
Ja
Vollzeit
Stadtrand
Hochschulabschluss
Univ.Prof.
Ja

Rechteinhaber

Ja

Sammlungen

This item was submitted on May 30, 2020 by [anonymous user] using the form “Meine Erinnerung” on the site “ComeBack - Das Corona-Archiv der Universität Graz”: https://corona-archiv.uni-graz.at/s/ComeBack

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